In einer Supervisionssitzung mit Führungskräften sagte vor ein paar Wochen eine Mitarbeiterin „Wir müssen wieder vor die Welle kommen.“ – Ein schöner bildlicher Begriff, um zu beschreiben, dass es wichtig ist, die Handlungsfähigkeit zurückzuerlangen und vorbereitet zu sein, auf das, was kommen wird.
Auch andere Redewendungen aus der Seefahrt begegnen mir in meiner Arbeit mit Fachkräften der Sozialen Arbeit und des Gesundheitswesens immer wieder.
- „Wir sitzen doch alle im selben Boot!“
- „Mir steht das Wasser bis zum Hals!“
- „…damit wir nicht untergehen.“
Oft beschreiben diese Worte eine Dramatik und das Bild des Wassers macht die gefühlte Bedrohung im Arbeitsalltag sichtbar.
Um im Bild zu bleiben: Die Menschen, mit denen ich arbeite, sind eigentlich die Seenotretter, die mit ihrem Rettungskreuzer Menschen in Not zu Hilfe eilen (sollen). Sozialarbeiterinnen, Pflegekräfte, Erzieherinnen, Ärzte, Psychologen und andere helfende Berufsgruppen, die angetreten sind, um Menschen in besonderen Lebenslagen und Krisen professionell zu unterstützen. Die Realität ist nicht selten so, dass ebendiesen Menschen aufgrund von strukturellen Faktoren das Wasser bis zum Halse steht und sie selbst sagen, dass sie die Sorge haben, unterzugehen.
Auf hoher See kann man äußere Faktoren, wie den Wellengang oder den Sturm nicht ändern. Genauso, wie beispielsweise eine Fachkraft in der Jugendhilfe oder in der Klinik nichts am Thema Fachkräftemangel, Kürzungen oder Bürokratie ändern kann.
Auf andere Faktoren kann man jedoch gemeinsam hinwirken und im besten Falle das Steuer herumreißen.
- Man kann gemeinsam abstimmen, wer an Board – beziehungsweise im Team – für welche Aufgabe zuständig ist (Themenfeld: Zuständigkeiten/Rollenklärung/Aufgabenbeschreibungen).
- Man kann sich darüber verständigen, wo genau man hinsegeln möchte (Themenfeld: Vision/Ziele) und wie man dort am besten angelangt. (Themenfeld: Strategie/Prozesse/Standards).
- Man kann festlegen, wie man zwischendurch im Gespräch ist. Per Zuruf, wie auf dem Schiff? Oder strukturiert und mit klarer Ausrichtung, um gut auf die nächste Welle vorbereitet zu sein? (Themenfeld: Kommunikation/Besprechungsformate/Wissenstransfer).
Der Kapitänin (oder dem Kapitän) kommt eine ganz besondere Rolle zu. Ist sie in Verbindung mit ihrem Team? Hört sie ihrer Mannschaft zu, um rechtzeitig auf Unzufriedenheiten zu reagieren und eine Meuterei abzuwenden? Trifft sie bei Bedarf eine Entscheidung, wo die Reise hingehen soll, wenn sich das Team nicht einigen kann? Gibt sie Hoffnung im Sturm und schenkt die Zuversicht, dass Land erreicht werden wird, auch wenn die Sicht durch Gischt und Nebel verdeckt ist? (Themenfeld: Führung/Erwartungen)
Entscheidend ist, dass ein Team-Gefühl da ist. Eine Verbundenheit, die über ein gemeinsames Ziel entsteht und in den Team-Mitgliedern das Gefühl weckt: „Wir werden das gemeinsam schaffen!“
Manchmal ist es nötig, das Steuer herumzureißen, bevor es zu spät ist. Dies setzt voraus, dass es ein Bewusstsein dafür gibt, dass man im Sturm ist und das Schiff droht, in Seenot zu geraten.
Supervision kann den Rahmen bieten, dass ein Team eine Standortbestimmung vornimmt, „den Wind prüft“ und zusammen reflektiert, was zu tun ist, um „auf Kurs zu bleiben.“
Ein Coaching kann eine Kapitänin oder einen Kapitän darin unterstützen, einen Führungsstil zu entwickeln, der zu einem passt und der dazu beiträgt, dass es gelingt, das eigene Team durch den Sturm sicher in den Zielhafen zu führen.
Eine Organisationsentwicklung ist der passende Weg, wenn es darum geht, ein sehr großes Schiff mit unterschiedlichen Teams auf die nächste Etappe oder sogar eine Expedition ins Ungewisse vorzubereiten.
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